Neu im Kino: "Verflucht Normal" - Tourette-Syndrom auf großer Leinwand
Der britische Film über das Leben des Tourette-Betroffenen John Davidson und seine Aufklärungsarbeit geht unter die Haut. Doch die Reaktionen zeigen auch: Er hat noch einen langen Weg vor sich.
Erstellt von Sarah Knauth - Uhr
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Prügel auf dem Pausenhof, Hiebe vom Schulleiter, Faustschläge im Club und ein Angriff mit dem Brecheisen: Der am Tourette-Syndrom leidende John Davidson muss in dem Film "Verflucht Normal" nicht nur körperlich schon seit seiner Jugend Verletzungen hinnehmen, weil ihn seine Mitmenschen missverstehen. Seine eigene Mutter verbannt ihn dauerhaft vom Esstisch, weil er spuckt und Flüche ausstößt. Doch er kann nicht anders.
Der Film mit dem doppeldeutigen Originaltitel "I Swear" ("Ich schwöre" oder "Ich fluche") zeigt, wie aus einem selbstbewussten Jugendlichen (Scott Ellis Watson), der sogar Hoffnungen auf eine Fußball-Karriere hat, ein junger Mann (Robert Aramayo) wird, der kein selbstständiges Leben führen kann.
Schuld ist Tourette. Die ständigen Ticks - Rufe, Zuckungen und wilde Flüche - machen den Alltag für ihn und seine Angehörigen zum Spießrutenlauf. Doch kaum jemand kennt die Krankheit. Auf Nachsicht kann John nicht hoffen.
Der Film geht unter die Haut
Ohne Job, ohne Perspektive und unter starken Medikamenten trifft er auf seinen alten Schulfreund Murray, der aus Australien zurückgekehrt ist, um seine vermeintlich todkranke Mutter zu begleiten. Dottie (Maxine Peake) wird bald für John zu einer Art zweiten Mutter, die ihn ermutigt, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Das gelingt aber nicht auf Anhieb.
Der Film, der am 28. Mai in deutsche Kinos kommt und auf wahren Begebenheiten beruht, geht unter die Haut. Oft mag man wegsehen, weil man schon wieder das nächste Unglück heraufziehen sieht, eins schlimmer als das andere. Etwa, wenn sich John von seinem neuen Nachbarn dazu überreden lässt, als Drogenkurier auszuhelfen und in einer Fußgängerzone herumschreit: "Heroin zum halben Preis!" - kurz bevor er einer Polizeistreife begegnet.
Ungewollte Komik geht nicht verloren
Doch gibt es dann immer wieder die Szenen, in denen es Regisseur Kirk Jones gelingt, so überzeugend die Kraft menschlicher Wärme zu transportieren, dass man unbedingt am Ball bleiben und mitfiebern möchte.
Hilfreich ist auch, dass man schon in der ersten Szene, die dem Ende vorgreift, sieht, dass es letztlich gut ausgeht. John wird von der inzwischen verstorbenen Queen Elizabeth II. mit einem Orden für seine Verdienste um die Aufklärung über das Tourette-Syndrom geehrt. Die feierliche Verleihung im Palace of Holyroodhouse in Edinburgh bringt er beinahe ohne störende Ticks hinter sich.
Die eigentlich ungewollte Komik, die Tourette mit sich bringen kann, geht auch keineswegs verloren. Etwa als Johns Anwalt versucht, einem Richter die Auswirkungen der Erkrankung zu erklären und sexistische, homophobe und frauenfeindliche Äußerungen als Beispiele für dessen ungewollte verbale Ausrutscher aufzählt. "Vergiss nicht rassistisch, du Wichser", bricht es aus John heraus.
Authentizität erhält der Film nicht zuletzt durch den schottischen Dialekt, in dem fast durchgehend gesprochen wird, der aber verständlich bleibt. Die deutsche Fassung ist allerdings synchronisiert. Meist spielt er in der Kleinstadt Galashiels außerhalb von Edinburgh, die in malerischer Hügellandschaft gelegen ist.
Aufregung über Zwischenruf bei Bafta-Verleihung
Dass die Öffentlichkeit noch längst nicht ausreichend aufgeklärt ist über Tourette, wurde bei der Verleihung der britischen Filmpreise Bafta-Awards im Februar deutlich. Der Film räumt gleich in drei Kategorien ab, für den besten Hauptdarsteller, das beste Casting und das beste Drehbuch.
Doch die Aufregung ist groß, als der echte John Davidson - der Producer des Films ist und im Publikum sitzt - eine rassistische Beleidigung herausbrüllt, während die beiden schwarzen Schauspieler Michael B. Jordan und Delroy Lindo auf der Bühne stehen. Dass der Zwischenruf zudem in der von der BBC übertragenen Aufnahme nicht herausgeschnitten wird, wird zum Eklat und ruft sogar die Regierung auf den Plan. Die BBC entschuldigt sich für einen "schweren Fehler".
Davidson selbst ist bestürzt. Er sei "schon immer zutiefst beschämt, wenn jemand meine ungewollten Ticks als absichtlich oder als auf irgendeine Weise bedeutungsvoll wahrnimmt", heißt es in einer Mitteilung. Er selbst verlässt den Saal noch während der Verleihung, um nicht weiter Anstoß zu erregen.
Drang zum Schlimmsten im schlimmsten Moment
Regisseur Kirk Jones nimmt Davidson in Schutz. Dieser sei in vielerlei Hinsicht im Stich gelassen worden, beklagt er anschließend in einem Interview der Zeitung "Daily Telegraph".
Im Netz gehen Clips von den sichtlich irritierten Schauspielern Jordan und Lindo und dem Ausruf Davidsons im Hintergrund viral. Manche Nutzer werfen ihm vor, Dinge zu sagen, die er tatsächlich so meint. Doch die Organisation Tourette Association of America widerspricht: Die sogenannte Koprolalie, also das zwanghafte Ausstoßen von Flüchen und Beleidigungen, sei häufig der Drang, "das Schlimmste im schlimmsten Moment" zu sagen und spiegele nicht die Überzeugungen der Betroffenen wider.
+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++
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